Wer schlechte Karten hat, muss trotzdem spielen.
Der Unterschied zwischen denen, die vorankommen, und denen, die stagnieren, liegt nicht in den Umständen, sondern in der Entscheidung, ob man mit dem spielt, was man hat.
Christian Rahn
Marketing, Vertrieb und die Entscheidungen dahinter
Wer wartet, bis die Karten besser werden, spielt meistens zu spät.
Vor sechs Jahren hatte ich Haare wie Elvis. Heute habe ich eine Glatze. Nicht weil es hip ist. Mein Immunsystem hat beschlossen, sich gegen mich zu stellen. Autoimmunerkrankung, die Haare gingen weg, die Zeit war hart. Ich werde das nicht schönreden. Aber ich werde auch nicht so tun, als wäre das die eigentliche Geschichte. Die eigentliche Geschichte ist eine andere: Ich bin als Kahlköpfiger erfolgreicher als ich es mit Haaren je war. Und das hat mich etwas gelehrt, das ich seitdem in jedem Unternehmergespräch wiederfinde.
Was die meisten in schwierigen Phasen falsch einordnen
Wenn Unternehmer in eine schwierige Phase geraten – Umsatzeinbruch, Marktveränderung, Verlust eines SchlĂ¼sselmenschen, persönliche Belastung – dann passiert meistens dasselbe. Die Energie flieĂŸt in die Analyse der Umstände. Warum ist das passiert? Wer trägt Verantwortung? Was hätte man verhindern können?
Das ist menschlich. Und es ist meistens falsch investierte Zeit.
Nicht weil die Fragen unwichtig wären. Sondern weil sie in dem Moment, in dem sie gestellt werden, nichts verändern. Die Umstände sind, wie sie sind. Das Immunsystem hat entschieden. Der Markt hat sich verschoben. Der Kunde ist weg. Die Frage ist nicht mehr: Warum? Die Frage ist: Was jetzt?
Die Fehlannahme liegt darin, dass man glaubt, man mĂ¼sse erst verstehen, bevor man handeln kann. In der Realität ist es oft umgekehrt: Man versteht erst, wenn man anfängt zu handeln.
Ich kenne das aus eigener Erfahrung. Als die Haare weg waren, hätte ich warten können, bis ich verstanden habe, warum das passiert ist, was es bedeutet, wie ich damit umgehe. Ich habe stattdessen weitergemacht. Nicht weil ich mutig war. Sondern weil Stillstand keine Antwort ist. Das Verstehen kam später – und es kam durch das Tun, nicht durch das Warten darauf.
Das eigentliche Problem ist nicht die schlechte Karte, sondern die Weigerung, sie zu spielen.
Ich sitze regelmĂ¤ĂŸig mit Unternehmern zusammen, die objektiv schwierige Ausgangssituationen haben. Märkte, die sich verändern. Strukturen, die nicht mehr tragen. Wettbewerber, die mit anderen Mitteln spielen. Und ich beobachte dabei ein Muster, das sich wiederholt.
Die einen sagen: Unter diesen Bedingungen ist das nicht möglich.
Die anderen sagen: Was ist dann unter diesen Bedingungen möglich?
Das klingt nach einem kleinen Unterschied. Es ist keiner. Es ist der Unterschied zwischen einer Organisation, die sich selbst erklärt, warum es nicht geht und einer, die herausfindet, wie es geht. Beide haben schlechte Karten. Einer hat gespielt.
Das Schicksal war nicht mein Feind. Es war der Schalter. Nicht weil ich das so wollte. Sondern weil ich irgendwann aufgehört habe, gegen die Umstände zu argumentieren – und angefangen habe, mit ihnen zu arbeiten.
Was es kostet, wenn man auf bessere Karten wartet
Die Kosten sind selten sofort sichtbar. Das ist das TĂ¼ckische.
Ein Unternehmen, das auf bessere Marktbedingungen wartet, verliert keine Umsätze von heute auf morgen. Es verliert Momentum. Es verliert die Mitarbeitenden, die Bewegung wollen. Es verliert die Kunden, die spĂ¼ren, dass hier jemand verwaltet statt gestaltet. Und es verliert die Fähigkeit, schnell zu reagieren – weil Abwarten eine Gewohnheit ist, die sich einschleicht.
Ich habe das in Unternehmen gesehen, die eigentlich gute Substanz hatten. Gute Produkte, loyale Kunden, erfahrene Teams. Ein konkretes Beispiel: Ein Maschinenbauer, Familienunternehmen, dritte Generation. Der Markt veränderte sich – Digitalisierung, neue Wettbewerber aus Asien, Preisdruck. Die FĂ¼hrung wusste das. Alle wussten das. Aber man wartete auf eine Studie, dann auf das Ergebnis eines Strategieprozesses, dann auf bessere Quartalszahlen, um investieren zu können. Drei Jahre vergingen. Der Wettbewerber, der nicht gewartet hatte, saĂŸ inzwischen bei zwei ihrer wichtigsten Kunden am Tisch.
Das Warten fĂ¼hlt sich nicht falsch an. Es fĂ¼hlt sich vernĂ¼nftig an. Das ist das Problem.
Wie Unternehmer, die vorankommen, die Situation anders lesen
Sie suchen nicht zehn GrĂ¼nde, warum es nicht geht. Sie suchen einen Grund, wie es geht.
Das ist keine Frage des Optimismus. Es ist eine Frage der Haltung gegenĂ¼ber Unsicherheit. Wer unter Unsicherheit handelt, macht Fehler. Das ist unvermeidlich. Aber wer unter Unsicherheit nicht handelt, macht den grĂ¶ĂŸten Fehler von allen: Er Ă¼berlässt die Entscheidung den Umständen.
Die Unternehmer, mit denen ich am liebsten arbeite, sind nicht die, die keine Probleme haben. Es sind die, die aufgehört haben, auf Bedingungen zu warten, unter denen Probleme verschwinden. Die wissen: Bedingungen werden sich nicht klären. Märkte werden nicht ruhiger. Komplexität wird nicht abnehmen. Und trotzdem – oder gerade deshalb – fangen sie an.
Wenn jemand zu mir kommt, der gerade wartet, ist der erste Schritt immer derselbe: Wir legen offen, welche Entscheidung tatsächlich auf dem Tisch liegt und warum sie bisher nicht getroffen wurde. Meistens ist es nicht Unwissenheit. Meistens ist es Unbehagen. Und Unbehagen lässt sich aushalten. Unentschiedenheit nicht.
Verwandte Artikel
Entdecken Sie weitere Artikel zu verwandten Themen — und lassen Sie sich von neuen Einblicken und Ideen inspirieren.